Verschwundener Böhmerwald

06.10.2023

P-Seminar zu Fuß auf Spurensuche

Unter dem Titel Zmizelá Šumava – Verschwundener Böhmerwald erkundete das gleichnamige P-Seminar im Rahmen einer fünftägigen Exkursion den oberen Abschnitt des Böhmerwaldes und befasste sich dabei intensiv mit Geschichte und Gegenwart dieses ehemals mehrheitlich von deutschsprachigen Bewohnern besiedelten Teils der Tschechischen Republik. Neben der zeitlichen und organisatorischen Planung des Vorhabens bereiteten die Mitglieder des Seminars Einzelreferate über Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten vor, die sie dann direkt am jeweils zugehörigen Ort präsentierten. Darüber hinaus konnten sie ihre im vorhergehenden Unterricht erworbenen Sprachkenntnisse des Tschechischen in einfachen Alltagssituationen einüben.

Die Reise begann bereits am frühen Morgen des 13. September 2023 mit der Zugfahrt nach Lam, als 15 Kollegiatinnen und Kollegiaten und die beiden Begleitlehrkräfte mitsamt ihrem ganzen Gepäck auf dem Rücken zum Startpunkt der ersten Tagesetappe aufbrachen, die von Lam aus zunächst auf den Großen Osser führte. Dort überschritt die Wandergruppe nach einer Stärkung im Osserschutzhaus bei leichtem Regen über den östlichen Abhang des Ossers die bayerisch-böhmische Grenze in Richtung Hamry (Hammern).

Ein letzter Blick zurück in den Lamer Winkel
Ein letzter Blick zurück in den Lamer Winkel

Im Laufe der gesamten Exkursion sollte es jedoch das einzige Mal bleiben, dass Nässeschutz benötigt wurde, an den Folgetagen herrschte nach vereinzelten morgendlichen Nebelfeldern durchwegs schönstes Kaiserwetter. Bevor nach einem längeren Marsch durch ausgedehnte Wälder und weite Wiesen die Unterkunft des ersten Abschnitts in Hojsova Stráž (Eisenstraß) erreicht wurde, kam die Gruppe an den Resten des ehemaligen Wallfahrtskirchleins Kreuzwinkl vorbei, wo das erste Referat vorgetragen wurde. Sowohl am ersten Abend als auch an den Folgetagen stellte sich heraus, dass die Wandernden nach dem Abendessen recht schnell das Bett aufsuchten, da die zurückgelegten Entfernungen kräftemäßig durchaus ihren Tribut forderten.

Regnerisches Wetter auf dem Ossergipfel
Regnerisches Wetter auf dem Ossergipfel

Die zweite Tagesetappe führte die Gruppe über den Gebirgsrücken des Můstek (Brücklberg) und Pancíř (Panzer) bis nach Železná Ruda (Markt Eisenstein). Im Laufe dieses Abschnittes erfuhren die Kollegiatinnen und Kollegiaten zunächst Wissenswertes über die Kirche in Eisenstraß und über das Brauwesen im Böhmerwald. Die Wanderung führte weiter vorbei an der Stelle, an der Karl Teischl, ein eher unbekannter Mitverschwörer um Graf Stauffenberg am Attentat auf Adolf Hitler, von nationalsozialistischen Schergen tödlich verwundet wurde. Gerne hätte man am Gipfel des Můstek die dort ehemals befindliche Berghütte zur Stärkung in Anspruch genommen, allerdings ist diese bei einem Brand zu Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts vollständig einem Brand zum Opfer gefallen, so dass sich dort heute nur noch ein unbewirtschafteter Unterstand befindet. Am Gipfel des Pancíř, an dessen Hängen vor über 100 Jahren die ersten Ski-Abfahrten des Böhmerwaldes mit aus heutiger Sicht abenteuerlicher Ausrüstung stattfanden, bot sich ein herrlicher Ausblick auf das weitläufige Gebiet des ehemaligen tschechoslowakischen Truppenübungsplatzes Dobrá Voda (Gutwasser). Während der letzten Kilometer nach Železná Ruda erkundeten die Mitwandernden die nach der Wende wiedererrichtete Wallfahrtskapelle St. Anna als ein Symbol der Freundschaft und Versöhnung zwischen Tschechen und Bayern und begutachteten exemplarisch einen der tausenden ehemaligen Bunker im böhmischen Grenzgebiet, die in der Zeit der Konfrontation zwischen dem westlichen Militärbündnis NATO und den Staaten des Warschauer Paktes errichtet wurden. Erstaunt zeigten sich einige Mitglieder der Gruppe, dass es sich beim Zielort des zweiten Tages um eine lebendige Gemeinde mit aufstrebendem Tourismus und reger Bautätigkeit handelte, ein Umstand, der sicher nicht in jedem Ort vergleichbarer Größe auf unserer Seite der Grenze beobachtet werden kann.

Die gesamte Exkursionsgruppe vor einer Kunstinstallation auf dem Pancíř
Die gesamte Exkursionsgruppe vor einer Kunstinstallation auf dem Pancíř

Der dritte Tag begann mit einem Besuch der Maria Hilf Kirche in Eisenstein, deren imposante Zwiebelkuppel dem Betrachter sofort ins Auge sticht, und einem Abstecher zur ehemaligen Grenzwache Debrník (Deffernik), die vorher im gleichnamigen Schloss untergebracht war, welches leider kurz vor der Grenzöffnung trotz seines noch akzeptablen Zustands vollständig abgerissen wurde. Der Weg führte ab jetzt durch das Kerngebiet des Nationalparks Šumava an den Hängen des Polom (Fallbaum) vorbei bis zum Lakasee, einer der fünf Karseen der böhmischen Seite des Böhmerwaldes, weiter in die ehemalige Glasmachersiedlung Hůrka (Hurkenthal), an deren Stelle noch die Reste der Pfarrkirche und die Friedhofskapelle mit Gruft befinden. Nach einem längeren Marsch erreichte die Gruppe schließlich mit Prášily (Stubenbach) den Zielort des dritten Tages. Anders als in vielen anderen verschwundenen Ortschaften in diesem weitläufigen Waldgebiet befindet sich rund um die Reste der ehemaligen Pfarrkirche eine Ortschaft mit Wohnhäusern, Unterkünften, einem Geschäft, Gasthäusern und sogar einem nagelneuen Feuerwehrhaus.

Auf den Grundmauern der ehemaligen Kirche in Hůrka
Auf den Grundmauern der ehemaligen Kirche in Hůrka

Bei der Tour des vierten Tages handelte es sich um eine beliebte Rundwanderung auf den Poledník (Mittagsberg). Über den Prášilské jezero (Stubenbacher See), einen weiteren Gletschersee, erreichte die Gruppe bei strahlendem Sonnenschein das Gipfelareal mit seinem markanten Aussichtsturm, der in der Zeit des kalten Krieges zur Überwachung des westlichen Feindes errichtet wurde und heute ausschließlich touristischen Zwecken dient. Der Abstieg erfolgte über die nur saisonal zugängliche Trasse zur Frantův Most (Franzensbrücke), ab der der Prášilský potok (Stubenbach) die Gruppe über sein wildromantisches Tal zum Ausgangspunkt des Tages zurückführte. Der Linienbus brachte die erschöpften Wanderer schließlich nach Železná Ruda zurück, wo sie den letzten Abend der Exkursion verbrachten.

Der ehemalige Überwachungsturm auf dem Poledník
Der ehemalige Überwachungsturm auf dem Poledník

Die letzte Tagesetappe begann, wie die vorherige geendet hatte, nämlich mit einer kurzen Busfahrt zum Špičácké sedlo (Spitzberger Sattel), wodurch die Rückkehr ins Bayerische um einige Höhenmeter erleichtert wurde. Über den Černé jezero (Schwarzer See) erreichte man nach wenigen Stunden den Gipfel des großen Ossers und am Nachmittag endete die Exkursion mit der Zugfahrt von Lam aus zurück nach Cham.

Am Teufelssee, nur wenige hundert Meter hinter dem Zwercheck gelegen
Am Teufelssee, nur wenige hundert Meter hinter dem Zwercheck gelegen

Bei der Planung wurde ein besonderes Augenmerk auf Nachhaltigkeit gelegt. So konnten sämtliche Entfernungen von Beginn bis Ende der Exkursion entweder zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden. Die Kosten für den motorisierten Transport während der gesamten Tour beliefen sich für die Kollegiatinnen und Kollegiaten je nach persönlicher Verfügbarkeit des Deutschland-Tickets auf maximal fünf (!) Euro. Für diejenigen, die die gesamte Strecke oder auch nur Teile davon gerne selbst einmal erkunden möchten, sei hier bei mapy.cz die gesamte Tour einschließlich der benutzten Unterkünfte, Linienverbindungen und erwanderten Sehenswürdigkeiten hinterlegt.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Mitglieder des P-Seminars durch die Exkursion durchaus einen etwas vertiefteren Einblick in die böhmische Landschaft direkt hinter den bekannten ostbayerischen Gipfeln von Osser, Zwecheck und Großer Falkenstein erhalten konnten, obgleich ein Teilnehmer noch am vierten Tag anmerkte: „Auch wenn ich weiß, dass ich nur wenige Kilometer von zu Hause entfernt bin, es fühlt sich an wie über tausend.“

Hier noch weitere Impressionen der Exkursion:

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